Facebook - ÖKO-TEST gefällt mir
Twitter @oekotest
Google+
YouTube
Mobile Webseite aufrufen
Immer informiert: ÖKO-TEST RSS-Feed

MUM Markt & Medien


Jubiläum25 Jahre ÖKO-TEST

Jürgen Stellpflug
Jürgen Stellpflug

Lebenslauf
Geboren am 15.08.1956 in Warburg / Westfalen. Juni 1975: Abitur, danach Wehrdienst. Von Oktober 1976 bis November 1983 Betriebswirtschaftliches Studium in Köln, Politikwissenschaftliches Studium in Marburg und Berlin. Von Dezember 1980 bis Juni 1982 Redakteur bei der Tageszeitung in Berlin, anschließend freier Journalist. Seit Oktober 1985 beim ÖKO-TEST Verlag. Anfangs als Redakteur des ÖKO-TEST-Magazins, seit 1991 Chefredakteur, seit 1999 Geschäftsführer der ÖKO-TEST Verlag GmbH, seit 2000 Vorstandsvorsitzender der ÖKO-TEST Holding AG.

Portrait Jürgen Stellpflug

Herr der Dinge

Jürgen Stellpflug ist Chefredakteur und Geschäftsführer des ÖKO-TEST-Magazins. Wie kein anderer hat er die 25-jährige Geschichte des Blattes geprägt - fast von Anfang an.

Wenn Jürgen Stellpflug abends im Fernsehen Rede und Antwort steht, dann hat er schon mindestens einen halben Arbeitstag in der eigenen Redaktion hinter sich. Hat Artikel redigiert, Schriftsätze von gegnerischen Anwälten gelesen, mit Autoren diskutiert, wütende Hersteller am Telefon besänftigt. Danach spurtet er zur S-Bahn am Frankfurter Westbahnhof, der direkt am Öko-Haus liegt, wo die ÖKO-TEST-Redaktion seit fast 20 Jahren ihren Sitz hat. Ab in den Zug- und während der Fahrt arbeitet er weiter sein Pensum ab: Layouts freigeben, Testergebnisse kontrollieren, mit den Redakteuren telefonieren. Das pralle Tagesprogramm eines Chefredakteurs eben.

Er wird oft und gerne als Gesprächspartner eingeladen. Man will von ihm wissen, wie Produkte in den Tests abgeschnitten haben, die ÖKO-TEST jeden Monat veröffentlicht. Aber er ist bei den Journalistenkollegen auch deshalb begehrt, weil er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Unaufgeregt, aber deutlich erzählt Jürgen Stellpflug den Zuschauern etwa, dass ein großer Teil des hierzulande verkauften Kinderspielzeugs auf den Sondermüll gehört, weil es mit hormonwirksamen Weichmachern verseucht ist. Dass Anti-Aging-Cremes das Altern leider doch nicht aufhalten können. Oder dass die Sparer beim Rentnerlotto mit Riester die Nieten sind.

Dass er sich mit solchen Ansichten nicht nur Freunde macht, lässt sich denken. Es ist ein offenes Geheimnis, dass kaum ein anderes bundesdeutsches Presseorgan soviel Ärger mit der Justiz hat wie ÖKO-TEST. Pro Heft folgt mindestens ein Prozess, oft sind es sogar mehrere, viele Auseinandersetzungen beschäftigen die Gerichte über Jahre. Aber nicht nur Hersteller und Verantwortliche fühlen sich von Stellpflug auf die Füße getreten. Erst kürzlich flatterte eine E-Mail in sein Postfach. Ein Herr hatte ihn im Fernsehen gesehen und fand unsäglich, was er an Vitaminpräparaten zu kritisieren hatte. Der Herr schrieb auch noch, dass er Stellpflugs Visage mal zeigen möchte, was er von ihm halte, wenn er ihn irgendwann treffen sollte.


Die Auseinandersetzungen sind härter geworden

So was geht auch am Chefredakteur einer großen deutschen Verbraucherzeitschrift nicht spurlos vorüber. Jürgen Stellpflug arbeitet mittlerweile seit 25 Jahren bei ÖKO-TEST, ist fast von Anfang an dabei. In so einer langen Zeit hat man viel erlebt, auch Anfeindungen aus allen möglichen Lagern. Gerade in den Anfangszeiten von ÖKO-TEST war es alles andere als populär, den ungezügelten Konsum nicht gut zu finden, Markenprodukte madig zu machen und an die Verantwortung für kommende Generationen zu erinnern. Andererseits waren die Verhältnisse damals klar: Da gab es die schrägen Alternativen, die den Menschen ihren hart erarbeiteten Wohlstand madig machen wollten. Und auf der anderen Seite standen diejenigen, die die Ideen der Ökos für wirtschaftlich unsinnig oder technisch nicht machbar hielten.


Gründerteam Wie alles anfing? Mit kaum mehr als einer Handvoll Leuten (ganz links der inzwischen verstorbene Gründer Jürgen Räuschel) - und einer Idee von einer neuen Zeitschrift, nah an den Bedürfnissen der Verbraucher.


Heute ist die Lage nicht mehr ganz so übersichtlich. Grüne Ideen doof zu finden, kann sich eigentlich niemand mehr trauen, ohne in den Ruf zu kommen, von gestern zu sein. Stattdessen gibt man sich mehr oder weniger umweltbewusst und sozial. Dass der ungebremste Konsum auch seine Schattenseiten hat, haben die meisten Bundesbürger begriffen. Dass sie für ihr hart erarbeitetes Geld so manche Mogelpackung in den Regalen finden, auch. Tests haben Konjunktur - und zeigen Wirkung. Das hat zur Folge, dass auch die Auseinandersetzungen mit denjenigen, die solche Tests veröffentlichen, härter geführt werden. Man merkt das zum Beispiel an den Schadenersatzsummen, die von ÖKO-TEST kritisierte Hersteller vor den Gerichten einfordern. Da geht es um ´zig Millionen - und damit in jedem einzelnen Fall auch möglicherweise um die Existenz von ÖKO-TEST.


Die Doppelfunktion sichert Kontinuität

Das ist schwere Kost für diejenigen, die das Heft machen. Insbesondere für Jürgen Stellpflug, der als Chefredakteur nicht nur die Inhalte des Blattes verantwortet, sondern seit einigen Jahren auch Geschäftsführer des Verlages ist. Für diese Verquickung von journalistischer Verantwortung auf der einen, und harten wirtschaftlichen Notwendigkeiten auf der anderen Seite, wird er vielfach angegriffen.

Die Kritiker der Doppelfunktion, die mittlerweile in vielen Verlagen üblich ist, fürchten um die Unabhängigkeit des Blattes. Ganz unbegründet sind solche Sorgen nicht - wenn man vom Typ Chefredakteur ausgeht, dem das journalistische Rückgrat fehlt, der vor dem Verleger kuscht und es den Anzeigenkunden immer nur recht machen möchte. Aber so einer ist Jürgen Stellpflug nicht: "Gerade weil ich als Chefredakteur journalistisch denken muss, ist die Redaktion doch in ihrer Unabhängigkeit geschützt. Denn natürlich will ich Geschichten und Tests im Heft haben, die sauber, kritisch und ohne Zwänge recherchiert sind. Davon lebt ÖKO-TEST, das ist unser wichtigstes Kapital."

Tatsächlich musste in Frankfurt auch in schwersten Krisentagen kein einziger Redakteur entlassen werden. Und in den zehn Jahren, in denen der Verlag eine Aktiengesellschaft ist, ist den Aktionären noch kein einziger Cent Dividende zugeflossen. "Wir haben immer alles ins Heft investiert, das ist mir ganz klar am wichtigsten", so Stellpflug. Und anders als in manchen Verlagen wird zwar auch bei ÖKO-TEST gespart - aber nicht an den Journalisten und den Personalkosten, die sie nun einmal verursachen, wenn sie anständig arbeiten und nicht nur aus dem Internet abschreiben.


Gründerteam Wann alles anfing? Gegründet wurde der Verlag 1983. Er brachte ein Mal die Zeitschrift Neugier heraus, ein politisches Magazin mit einem ÖKO-TEST. Daraus wurde 1985 das ÖKO-TEST-Magazin.


Im Jahre 2000 war ÖKO-TEST fast pleite

Dass Jürgen Stellpflug überhaupt Geschäftsführer geworden ist, verdankt er einem unrühmlichen Kapitel in der ÖKO-TEST-Geschichte. Das war im Jahr 2000 - die Zeit der New Economy. Allerorten boomten technologische Entwicklungen wie das Internet. In vielen Unternehmen machte sich eine regelrechte Goldgräberstimmung breit, man wollte selbstverständlich teilhaben am künftigen Wirtschaftsboom und sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen abschneiden.

Als die Blase im März 2000 platzte, hätte es auch ÖKO-TEST fast nicht mehr gegeben. Der Verlag hatte sich finanziell völlig übernommen, stand vor der Insolvenz. Bis dato gab es im ÖKO-TEST-Verlag immer eine kaufmännische Geschäftsführung und einen Chefredakteur. Nachdem klar war, wie schlecht es dem Verlag ging, stand Jürgen Stellpflug von heute auf morgen ganz alleine da - und vor der Entscheidung, ob er über 60 Mitarbeiter entlassen muss, ob er ihnen das letzte Gehalt noch bezahlen kann oder den Insolvenzverwalter mit der Abwicklung beauftragt.

Im Crash-Kurs-Verfahren lernte Stellpflug die Grundlagen einer kaufmännischen Geschäftsführung - so lange, bis er wusste, was sich hinter jeder einzelnen Zahl in der Buchhaltung versteckte. Er räumte Leichen aus dem Keller, die schon seit Generationen von Geschäftsführern zum Himmel stanken. Und er brachte Ordnung in die Struktur des Verlages, wandelte die ehemalige unbewegliche GmbH & Co KG mit einer Vielzahl von verschachtelten Gesellschaften in eine moderne Aktiengesellschaft um. Am Ende unterschrieb er auch noch den Vertrag mit der deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), die im Jahre 2002 die Mehrheit am ÖKO-TEST-Verlag übernommen hat.


Harmonie - das war früher undenkbar

Heute sagt Stellpflug, es sei sein größter Erfolg, dass er sich damals nicht mehr weiter von irgendwelchen Leute beeinflussen lassen, sondern einfach selbst entschieden hat, dass es mit dem Verlag weiter gehen soll. Eine noch größere Leistung war vielleicht, dass er es nach der Fast-Pleite und den Enttäuschungen noch einmal geschafft hat, Vertrauen zu investieren. Zu jener Zeit wuchs im wesentlichen das Führungsgremium zusammen, das den Verlag bis heute erfolgreich leitet: Patrick Junker, der die Geschäftsführung in der neu geschaffenen Online-Redaktion in Augsburg übernahm, und Stellpflugs Stellvertreterinnen Karin Schumacher und Regine Cejka - das "Kleeblatt", wie er die Riege gerne nennt - und zu fortgeschrittener Stunde auch mal nachschiebt, dass es ihm Glück gebracht hat.

Dabei war Harmonie in der Mannschaft gerade in den Anfangszeiten von ÖKO-TEST geradezu undenkbar. Im selbstverwalteten Verlag in der Mainzer Landstrasse in Frankfurt ging es die meiste Zeit darum, sich in hausgemachten Konflikten zu zerfleischen. Dazu gab es reichlich Gelegenheit, etwa wenn alle Projektmitglieder - von der Putzfrau bis zum Geschäftsführer - in der Küche über die inhaltliche Ausrichtung des Heftes und über den Wirtschaftsplan abstimmten. Damals gab es auch gleiches Gehalt für alle - aber dieses Modell wurde, ebenso wie die Selbstverwaltung, abgeschafft. Stattdessen organisierte man sich zu einem ganz normalen Unternehmen - und sicherte damit der Idee das Überleben.

Jürgen Stellpflug war zu dieser Zeit längst im Boot, denkt an die alten Zeiten mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Einerseits waren die vielen Diskussionen oft sehr spannend und durchaus nutzbringend für die inhaltliche Ausrichtung des Heftes. Andererseits kosteten die ständigen Streitereien eine Menge Kraft - die das Blatt eigentlich für seine inhaltliche Profilierung gebraucht hätte. Gerade am Anfang war nämlich überhaupt nicht so klar, ob ÖKO-TEST nun ein Testmagazin werden sollte oder ein Magazin mit ökologischen Beiträgen. "Ich habe dann durchgesetzt, dass jeden Monat mindestens drei Tests ins Heft kommen", erinnert sich Stellpflug.


Jürgen Stellpflug Wie alles weiterging? Mit vielen Höhen, hier verkündet 1995 auf einer Pressekonferenz zum 10-jährigen. Und vielen Tiefen - zum 15-jährigen war ÖKO-TEST fast pleite.


Die Gummibärchen sind rehabilitiert

Immerhin: Das Credo von damals war so schlecht nicht, der Verlag ist dem Anspruch des Editorials in der ersten Ausgabe von ÖKO-TEST seit 25 Jahren treu geblieben. Da hieß es: "Leser des ÖKO-TEST-Magazins dürfen weiterhin Bratwurst, Sauerkraut und Gummibärchen essen." Dazu titelte eine große deutsche Tageszeitung "Gummibärchen sollen rehabilitiert werden."

Wenn Jürgen Stellpflug heute den Fernseher anstellt oder selbst einmal einkaufen geht, dann staunt er manchmal selbst, wie viele Produkte mittlerweile das ÖKO-TEST-Label tragen: Vom Joghurt über Käse, Wurst, Gummibärchen bis hin zu Kaffeemaschinen und Finanzprodukten adeln Hersteller ihre Produkte gerne mit dem Gütezeichen.

Dass die Marke ÖKO-TEST so bekannt ist, verdankt sie ganz zweifelsohne auch ihrem Chefredakteur. Wie kein anderer hat er den Verlag und das Magazin über die Jahre geformt: Das graue Recyclingpapier aus den Anfangsjahren, die - zwar preisgekrönte - aber mit heutigen Sehgewohnheiten einfach nicht mehr zu vereinbarende grafische Gestaltung des Heftes wich einem richtig teurem Öko-Papier, dem man seine Herkunft nicht schon auf den ersten Blick ansieht. Die Gestaltung liegt seit einigen Jahren in den Händen von Grafikchef Ullrich Böhnke. In enger Zusammenarbeit mit der Chefredaktion wurde das Blatt viele Male gestaltet - meist zu seinem Vorteil.

Auch inhaltlich hat sich vieles geändert, das in den Anfangsjahren undenkbar gewesen wäre. Das Magazin trägt seit einigen Jahren den Untertitel "Richtig gut leben". So locker sich dieser Spruch liest - der Weg dahin war steinig. "Richtig" zu leben - das ließ sich ja noch mit dem Anspruch des Blattes, die Menschen aufklären zu wollen, vereinbaren. Aber "Richtig gut" leben - das war für die ÖKO-TEST-Macher mal mindestens eine Gratwanderung. Zwischen den treuen Lesern der ersten Stunde, die auch weiterhin eine bedingungslose Konsequenz des Blattes gerade in ökologischen Fragen erwarteten. Auf der anderen Seite zeigte sich immer deutlicher, dass viele Menschen solche Alles-oder-nichts-Forderungen in ihrem Alltag einfach nicht mittragen konnten und wollten. So reifte in den Köpfen der ÖKO-TESTer der Kompromiss "Richtig (und) gut" leben - und prägt die Verlagsprodukte seit vielen Jahren.


Jürgen Stellpflug Wer alles dabei war? Christoph Gasser, der erste Grafikchef, 1989 im Gespräch mit Jürgen Stellpflug. Damals noch nicht Chefredakteur, denn den gab es in dem "selbstverwalteten Projekt" nicht.


Ein Anti-Shopper formt die deutsche Einkaufslandschaft

In seiner Redaktion ist Jürgen Stellpflug anerkannt und akzeptiert - auch deshalb, weil er nie seine eigenen Lebensentwürfe und Ansichten zum Maß der Dinge gemacht hat. Der Mann ist Anfang 50, hat keine Kinder, hasst jegliches Schicki-Micki-Gehabe, trägt am liebsten Jeans und Pullover und ist - wie seine Lebensgefährtin sagt - "praktisch frei von jeglichem Konsum".

Ja, Sie haben richtig gelesen: Ausgerechnet einer, dem das einkaufen eher Last denn Lust ist, verantwortet ein Magazin, in dem es vor allem um eines geht - ums Kaufen. Sein Wort verändert die Warenwelt, seine Urteile entscheiden über den Umsatz großer und kleiner Unternehmen. Er ist sozusagen der Herr über die vielen tausend Dinge in unserem Leben, die wir mehr oder weniger brauchen. Wie das geht? Ganz einfach - indem er seine eigenen Zweifel mit einer gesunden Portion Weltoffenheit mischt, nüchtern analysiert, die richtigen Fragen stellt, Knackpunkte erkennt - und dann klar und deutlich entscheidet, wie es werden soll.

Diese Stärke des Chefs gibt letztlich auch den Redakteuren den Rückhalt, den sie für ihren schwierigen Job bei ÖKO-TEST brauchen. Schließlich sollen sie Produkte so gerecht wie möglich bewerten - ein folgenreiches, und deshalb auch quälendes Unterfangen. Jürgen Stellpflug lässt nie einen Zweifel daran, dass er zu einer Entscheidung für oder gegen ein Produkt oder Thema vorbehaltlos einsteht, wenn ihm genügend überzeugende Argumente geliefert wurden. Damit nimmt er letztlich auch die Last von den Schultern der einzelnen Mitarbeiter, alles alleine verantworten zu müssen.

Nicht jeder kann mit einem so starken Chef auskommen, in den vergangenen 25 Jahren sind immer wieder auch Mitarbeiter gegangen, weil sie andere Vorstellungen von Zusammenarbeit hatten. Heute ist Jürgen Stellpflug in der glücklichen Lage, ein weitgehend eingespieltes und stabiles Team um sich zu haben, das - wie er kürzlich einmal ausgerechnet hat - in jeder einzelnen Person eine überdurchschnittlich hohe Wertschöpfung erwirtschaftet.

Dass dies so bleibt, wünscht er sich am meisten für den Verlag. Mindestens noch zehn Jahre will er selbst dabei bleiben.



nach oben
 

Ein Angebot von ÖKO-TEST Online © by ÖKO-TEST Verlag GmbH
Publikationen: Online-Shop     BtB: Media/Label | Presse/Handel